
Rückblick 2010
In ganz Deutschland haben Christen am Tag der Deutschen Einheit öffentliche Veranstaltung mitgeprägt, Gottesdienste gefeiert und bei Gebetstreffen für ihr Land gebetet. Nachfolgend finden Sie einen kleinen Rückblick mit Erfahrungsberichten, Presseberichten und Videoberichten.
Auf dem Videokanal www.youtube.com/user/3Oktober10 finden Sie die gesammelten Videoberichte.
Aue
Ort: Glaubenszentrum Bad Gandersheim
Wahre Freiheit fängt im Herzen an
Festakt im Glaubenszentrum zum 20. Tag der Deutschen Einheit
„Damit hätte ich ja nicht gerechnet!“ Ehrengast Bürgermeister Heinz-Gerhard Ehmen zeigte sich von den Feierlichkeiten des Glaubenszentrums zum Tag der Deutschen Einheit sichtlich beeindruckt und nannte sie „vorbildlich“. Über 200 Bibelschüler, Mitarbeiter und Gäste füllten den mit Deutschland- und Bundesländerfahnen geschmückten Festsaal und warteten gespannt auf die Ansprachen.
Ungefähr ein Viertel der Anwesenden meldete sich auf die Frage, wer aus dem Gebiet der ehemaligen DDR oder aus dem Ostblock kommt. Rüdiger Simon, langjähriger Mitarbeiter im Glaubenszentrum, führte durchs Programm und nahm mit der nächsten Frage auch gleich die jüngere Generation mit ins Boot: „Wer hat die Wende nicht bewusst miterlebt, weil er zu der Zeit noch nicht geboren oder ein Kind war?“ Mindestens ein Drittel meldete sich. – Wie vermittelt man historische Ereignisse, die uns als ganzes Volk betreffen, möglichst lebendig und nachvollziehbar? Kann man das Vergessen verhindern? – Man kann: durch Information, moderne Medien und persönliche Erlebnisberichte; auch durch ein Festessen, durch Freude, Dank, Gebet und Gesang (wo wird die Nationalhymne noch gesungen außer beim Fußball?); vor allem aber durch einen unmittelbaren Bezug zur Gegenwart, die auch ganz anders hätte werden können. Der Appell zur Dankbarkeit reicht bis in die Zukunft hinein, und uns wird (wieder) bewusst: Freiheit ist nicht selbstverständlich.
Dieser Festtag hatte zugleich einen offiziellen und doch persönlichen Charakter. Geschäftsführer Dieter Drexler begrüßte neben Bürgermeister Ehmen, der spontan von seinem persönlichen Erleben der Wende erzählte, auch den neuen Pastor der Agape-Gemeinde Gerhard Bottesch. Manuel Rupsch, ehemaliger Bibelschüler, der sich ehrenamtlich für die CDU Thüringen sowie in der kirchlichen Gemeinde- und Jugendarbeit in Erfurt engagiert, brachte ein persönliches Grußwort von der Ministerpräsidentin Thüringens, Christine Lieberknecht, mit. Darin erinnerte sie uns u. a. an den Mut der damaligen Zivilbevölkerung, die das gemeinsame Leben in einer Demokratie in Freiheit, Selbstbestimmtheit und Achtung der Menschenrechte mit möglich gemacht hat. Gleichzeitig warnte sie vor „Mauern in den Köpfen“ und betonte, es dürfe heute keine Jagd mehr auf Menschen in Deutschland geben.
Nach dem Essen und einem Film über die Teilung Deutschlands von 1961–1989/90 gab es zwei interessante Erfahrungsberichte aus „Ost und West“. Christoph Köhler, ehemaliger Bibelschüler, erfahrener Missionar (São Paulo/Brasilien) und Leiter der Missionsschule des Glaubenszentrums, erzählte aus seiner Zeit in der ehemaligen DDR, wo er aufgewachsen war. Als entschiedene Christen führte die Familie ein ganz normales und auch glückliches Leben. Die Entscheidung gegen eine Mitgliedschaft in der FDJ (Freie Deutsche Jugend) hatte allerdings Konsequenzen: Christoph durfte nicht aufs Gymnasium. „Doch Gott ist nicht von Umständen abhängig“, kommentiert Christoph heute, was sich später auch noch zeigen sollte, und so ließen sie sich nicht entmutigen. Christoph heiratete jung, bekam drei Töchter. Rückblickend sagt Christoph sogar: „Wir hatten auch Freiheiten, die wir gar nicht genutzt haben.“ Der Wunsch nach Freiheit sei verständlich gewesen, aber aus eigener Überzeugung wusste er auch: „Wahre Freiheit beginnt im Herzen und wird nicht allein durch äußere Umstände erlangt.“ Wie überrascht war er, als zur inneren Freiheit die äußere dazukam: „Mission war nie ein Thema, denn man kam aus der DDR nicht heraus. Das waren Träume, weiter nichts.“ Heute blickt er auf ein Jahrzehnt Auslandserfahrung zurück, die er an andere weitergibt. Gott hatte die Grenze gesprengt.
Ähnlich und doch anders hat Regina Krüger aus Berlin-West (Bibelschülerin im 1. Jahr) den Mauerfall erlebt: Als die undurchdringliche Mauer, die ihr Leben lang vor ihrer Nase war, plötzlich geöffnet wurde und fremde Menschen sich mitten in der Nacht auf den Straßen weinend in den Armen lagen, war das auch in zweifacher Hinsicht eine Grenzsprengung. „Fassungslos sah ich die Bilder im Fernsehen und dachte: ‚Das gibt’s doch nicht, das ist doch hier um die Ecke. Da muss ich hin!‘“ Die Szenen sind hinlänglich bekannt, aber wenn man sie selbst miterlebt hat, vergisst man sie nie mehr.
Was ist Freiheit? Wissen wir sie (noch) zu schätzen? Nutzen wir sie? Sind wir dankbar? – In seiner Abschlussrede drückte Pastor Gerry Klein, Leiter der Bibelschule, seinen Dank für die Deutsche Einheit sowie den Sturz des gesamten Ostblocks aus, dessen diktatorisches Regime insgesamt Millionen von Opfern gefordert hat. Wir dürfen heute in Freiheit unseren christlichen Glauben ausleben, während in vielen Ländern der Welt (vor allem in muslemischen) die Christen verfolgt und z. T. getötet werden. Angesichts der Freiheit, die wir heute haben (Reisefreiheit, Meinungs- und Glaubensfreiheit), sowie der Wiedervereinigung und des Aufbaus Ostdeutschlands haben wir keinen Grund zum Klagen – und tun es doch so oft. Es wird wieder einmal deutlich: Freiheit ist auch eine Herzenshaltung. So ermutigte Pastor Klein die Festversammlung, überströmend in Danksagung zu sein: „Danken schützt vor wanken, loben zieht nach oben.“
Die junge Generation darf und soll nicht mehr unter der Schuld der Väter und Großväter leiden, sie dürfen dankbar sein, in einem freien, demokratischen Deutschland zu leben.

